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Afrikanische WeltGeschichten

Weltgeschichten KLagos, eine Millionenmetropole, Hochhäuser, Autos im Stau. Auch das ist Afrika. Am gestrigen Abend wurde nicht nur unser Afrikabild zurecht gerückt. Im gemütlichen Rahmen der Erzählrunde “WeltGeschichten” in den Räumen der Deutschlandstiftung Integration durften wir gespannt den Lebensgeschichten dreier westafrikanischer Weltenbummler lauschen. Ali Aslan, ein erfolgreicher internationaler Journalist mit türkischen Wurzeln, moderierte die Veranstaltung nicht ohne einen Schwung persönlicher Begeisterung. Im Mittelpunkt standen jedoch die Gäste Dayan Kodua, Ibrahim Guèye und Davis “Daveman” Adedayo Eisape. Ihre Biographien könnten nicht unterschiedlicher sein. Was sie eint, ist nicht nur ihr persönlicher Erfolg, sondern auch ihr Engagement für eine gerechtere Lebenswelt. Sie sind zu Vorbildern geworden. Für junge Menschen, egal welcher Herkunft.

Das Glühwürmchen

“Daveman” nennt sich Davis Adedayo Eisape nur, wenn der junge Mann in seine Rolle als Künstler schlüpft. Er macht Musik, die positiv, ausdrucksstark und lebensbejahend ist. In seinem bürgerlichen Leben arbeitet der studierte Wirtschaftsingenieur am Deutschen Institut für Normung (DIN). “Doppelleben” scheint das Leitmotiv in seiner Geschichte zu sein. Gehen wir zurück an den Anfang. Davis Eltern lernen sich in den 80er Jahren in der DDR kennen, wo sein Vater, ein Nigerianer, studierte. Seine Mutter, eine bekennende Rebellin gegen das Regime, war bald schwanger mit Davis, der wenige Jahre später noch einen Bruder bekam. 1989, nach bürokratischen Hürdenläufen und nur 2 Monate vor dem Mauerfall, zog die Kleinfamilie nach Nigeria.

Davis war damals 6 Jahre alt. Sie fanden ein Land vor, das von einer Militärdiktatur geführt wurde und das ebenso abgeschottet von der Welt war, wie die DDR. Die Familie hatte wenig Geld und anders als die anderen Familien aus Deutschland wohnten sie nicht in den westlichen “Camps”. Sie lebten “draußen” in einer Art Ghetto in Lagos, wo ihnen ihre Armut und Einfachheit trotz ihres Exotenstatus die Sympathie der Nachbarn einbrachte, die sie nicht nur akzeptierten, sondern sogar besonders beschützten. Sein Vater verdiente als Bauingenieur bei Julius Berger nicht genug, um die Kinder auf die deutsche Schule zu entsenden. Die Erinnerungen an die öffentliche, nigerianische Schule sind gemischt: Morgendlicher Fahnenappell, Prügelstrafen und dazu Rangeleien um Davis Butterbrot.

Als die deutsche Schule ihre Tarifpolitik humanisierte, begann für Davis ein neuer Abschnitt zwischen reichen Kindern aus dem Westen und unter den wachsamen Augen bayerischer Lehrer. Sein Doppelleben begann. Tagsüber Exot unter den weißen und reichen Kindern, nachmittags und abends Exot unter den armen nigerianschen Kindern seiner Siedlung. Davis fühlte sich wie ein “Glühwürmchen”, immer sichtbar, egal wo er war. Zeitgleich begann seine musikalische Karriere. Mit seiner Band nahm er ein Album auf, erlangte sogar einen kleinen Berühmtheitsstatus. Im Radio und auf Festivals hörte man seine Musik. Genau in diesem aufregenden Abschnitt seines Lebens kam es jedoch zu einem gewaltigen Umbruch. Die Ehe der Eltern zerbrach. Er zog mit seiner Mutter zurück nach Deutschland, kam auf ein Köpenicker Gymnasium. Als einziger Schwarzer unter 800 Schülern war er erst einmal völlig allein. Viele hielten ihn für einen Austauschschüler. Er fiel auf wie ein Glühwürmchen. Die Musik trieb ihn weiter an, ließ ihn nie los. Wenn seine Eltern nicht mit erhobenem Zeigefinger auf ein Studium verwiesen hätten, so wäre er “einfach nur” Künstler geblieben. Doch das Doppelleben sollte sein Leitmotiv bleiben.

Er spricht die Sprachen der Welt

Ibrahim Guèye spricht in fließendem, fehlerfreien Deutsch. Dass der eloquente Mann aus dem Senegal erst im Erwachsenenalter nach Deutschland kam, ist eine Überraschung. Nicht nur Deutsch, sondern auch Französisch, Englisch und Arabisch beherrscht Guèye akzent-und fehlerfrei. Doch spulen wir ein wenig zurück. Nach seinem Abitur in Dakar ging Guèye nach Paris, wo er Volkswirtschaft, Germanistik und Orientalistik an der Sorbonne studierte. Hier stellte er den Kontakt zu einem Professor aus Deutschland her, der ihm 1983 eine zweijährige Assistenzstelle in Düsseldorf verschaffte. Durch einen Zufall wurde dann die Redaktion der Wirtschaftswoche auf ihn aufmerksam. Als er eine Anzeige schalten wollte, reagierte man verblüfft auf sein Profil. “Jemanden wie Sie hatten wir noch nie. Reichen Sie doch bitte Ihren Lebenslauf ein.” Gesagt, getan. Herr Guèye bekam wenig später ein Angebot: Er wurde Korrespondent der Wirtschaftswoche in Paris. Heute ist Guèye bei weitem nicht nur Journalist. Neben unzähligen Ehrenämtern ist besonders seine Rolle als Aufsichtsratsvorsitzender des 2005 gegründeten Afrikanischen Dachverbandes NRW e.V. zu nennen. In seiner Beratung unterstützt er nicht nur die über 200 afrikanischen Verbände Nordrhein-Westfalens, sondern auch türkische, russische und sogar deutsche Verbände bei der Überwindung bürokratischer Hürden. Ebenfalls am Herzen liegt ihm seine Rolle als Sprecher von Integra, einem Netzwerk, welches sich gegen die weibliche Genitalverstümmelung engagiert.

Ein Nordlicht aus Ghana

Dayan Koduas Gesicht ist vielen nicht unbekannt. Die junge Frau aus Ghana hat durch ihren Titel als erste “schwarze” Miss Schleswig-Holstein 2001 deutschlandweit Berühmtheit erlangt. Nicht nur als Model, sondern insbesondere als Schauspielerin hat sie international Fuß gefasst. Auch ihre Geschichte verdient es jedoch, von Anfang an erzählt zu werden. Dayan wurde 1980 in Ghana geboren. Ihr Vater verließ die Familie früh. Er ging nach Deutschland, um zu arbeiten und seiner Familie die Papiere für die Auswanderung zu besorgen. Einige Jahre später erhielt die in Ghana zurückgebliebene Familie Nachricht vom Familienoberhaupt. Die Papiere wären da, das Geld reichte jedoch nicht für alle.  Dayan musste mit ansehen, wie ihre Mutter und ihre Schwester in die unbekannte Ferne reisen.

Erst unzählige Tränen und einige Jahre später konnte auch sie ausreisen. Der erste Flug ihres Lebens ist in ihrer Erinnerung noch ganz präsent: Mit einem Namensschild auf der Brust und einer Stewardess am Arm betrat sie den Eisenvogel, nicht wissend, was sie am anderen Ende der Reise erwarten würde. Unterdessen lenkten sie die seltsamen, westlichen Darreichungen des Flugzeugmenüs von ihren Gedanken ab: Sie hatte noch nie Joghurt gesehen.  Am 15.03.1991 landete sie in Deutschland. Am Flughafen wurde sie von ihrem Vater begrüßt, der ihr jedoch ein Fremder war. Während die Schwester sich im neuen Zuhause in Kiel schon eingelebt hatte, war für sie alles neu, grau, kalt und – eben anders. In der Schule hatte sie mit Pöbeleien und Beleidigungen zu kämpfen. Doch Dayan ließ sich nicht unterkriegen. Bereits mit 15 Jahren wurde das hübsche Mädchen als Model entdeckt. Nach ihrem Abitur zog sie nach Berlin, wo sie als Backgroundtänzerin in verschiedenen Produktionen von Detlef D! Soost mitwirkte und ihre Ausbildung an einer Schauspielschule absolvierte. Die Auftragslage war jedoch frustrierend. Als “Schwarze” war sie nicht gefragt. Sie entschloss sich also, nach L.A. zu gehen, wo sie 5 Jahre lebte und interessante Rollen wie z.B. in der Serie „Boston Legal“ bekam. Als Sie 2009 nach Deutschland zurück kam, begann sie, sich sozial zu engagieren. Die “Kulturbotschafterin Afrika” unterstützt junge Mädchen bei ihrem Traum, Models, Tänzerinnen und Schauspielerinnen zu werden. Dayans Botschaft ist: Du kannst es schaffen! Verstecke dich nicht hinter deiner Herkunft!

Die drei Gäste des Erzählkreises “WeltGeschichten” sind erfolgreich, hochbegabt und sozial engagiert. Sie haben auf ihrem Lebensweg unendlich viel Mut gezeigt, mussten sich immer wieder beweisen, leuchteten auf als Exoten, als Glühwürmchen. Sie sind Kinder eines Kontinents, den der Westen gerne vergisst. Sie wollen ein anderes Afrika zeigen. Einen Kontinent der wächst, der sich industrialisiert, der Menschen mit unendlich viel Talent und Potenzial birgt. Sie hoffen, dass Afrika, die Wiege der Menschheit, zugleich deren strahlende Zukunft sein wird.

 

Text von Maximiliane Schwerdt.

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